Dienstag, 3. Mai 2016

"Die Existenz von Antisemitismus in der Linken ist evident."

Hier einige Auszüge aus einem hervorragenden Artikel von Stephan Grigat mit dem Titel "Antisemitismus und Antizionismus in der Linken":

"Hannah Arendt wusste schon in den fünfziger Jahren, dass es sich bei der Annahme, Antisemitismus sei ausschließlich ein Phänomen der politischen Rechten, um ein hartnäckiges Vorurteil handelt. Zum Antisemitismus bei den Frühsozialisten, zum Antisemitismus in der europäischen Arbeiterbewegung des 19. und 20. Jahrhunderts und zum Verhältnis der marxistischen Klassiker zum Judentum liegen mittlerweile zahlreiche Studien vor. Zum Antisemitismus in den Staaten des Realsozialismus ist ebenso geforscht worden wie zum antisemitisch aufgeladenen Antizionismus der Neuen Linken in den meisten westeuropäischen Ländern oder den USA. Diese wissenschaftliche Beschäftigung mit dem Thema korrespondierte dabei mit einer weitgehenden Abwehrhaltung der Linken selbst."
 
"Als radikalste Form eines linken Antisemitismus können die stalinistischen Kampagnen gegen Zionismus und Kosmopolitismus gelten. Die von Lenin geführte Oktoberrevolution hat den russischen Juden - trotz struktureller Ähnlichkeiten der Leninschen Imperialismuskritik zum Antisemitismus  -  zunächst zahlreiche Vorteile im Vergleich zur Zarenzeit gebracht. Mit Stalin kam jedoch ein Mann an die Macht, der bereits im Kampf um die Nachfolge Lenins Antisemitismus als Mittel einsetzte. Für die spätere Entwicklung ist anzunehmen, dass Stalin sich von einem taktischen zu einem überzeugten Antisemiten gewandelt hat, der am Ende seines Lebens eine gewaltsame Umsiedlung der sowjetischen Juden in Erwägung zog."
 
"Während es bei Lenins Antizionismus, vor Auschwitz, hauptsächlich um organisationspolitische Fragen ging und der Zionismus als ein Nationalismus neben vielen anderen abgelehnt wurde, bekämpft der Antizionismus nach dem Zweiten Weltkrieg den Zionismus als eine besonders perfide Form des Nationalismus, die prinzipiell illegitim sei und alle anderen Nationen bedrohe. In Osteuropa wurde diese Transformation durch die stalinistischen Führungen vollzogen und auch nach der Entstalinisierung beibehalten. In Westeuropa war der Antizionismus nach 1945 lange eine Domäne der äußeren Rechten. Mit Ausnahme der dogmatischen, an der SU orientierten kommunistischen Parteien war die Linke Westeuropas - insbesondere in der BRD - bis 1967 ausgesprochen positiv gegenüber Israel eingestellt. Nach dem Sechs-Tage-Krieg änderte sich das schlagartig."
 
"Seit 1968 forcierten die Traditionslinken ihre Kritik an Israel. Zunehmend wichtig wurde seit dieser Zeit der Antizionismus der Neuen Linken. Seit Beginn der siebziger Jahre wird von linken und arabischen Gruppen vor allem an den Universitäten Propaganda gegen Israel betrieben, die sich in einigen Punkten nur mehr marginal von den zeitgleich verbreiteten Schriften rechter Gruppierungen unterscheidet."
 
"Antiimperialisten verkünden in Flugblättern die atemberaubende Neuheit, dass Israel „seit Beginn seines Bestehens seine Existenz auf Gewalt gegründet“ hat. Dabei wird natürlich so getan, als wäre das eine Besonderheit des israelischen Staates. Dieser massiven Kritik an Israel entspricht die völlige Abwesenheit einer grundsätzlichen Staatskritik in antizionistischen Kreisen. Was man an Israel kritisiert - seine Staatsgewalt und seine Nationswerdung inklusive der nationalen Mythen - wünscht man sich für die palästinensischen Brüder und Schwestern. Staat und Nation sind im Bewusstsein der meisten Antizionisten nämlich Erfüllungsgehilfen auf dem Weg zur Emanzipation - es sei denn, sie werden von Juden in Anspruch genommen."
 
"Während es für die meisten Antizionisten feststeht, dass Juden weder ein Volk noch eine Nation sind, können sie von Palästinensern kaum mehr anders reden als in der kollektivierenden Form des „palästinensischen Volkes“. Derartiges ist typisch für eine Linke, die ihre Solidarität mit Menschen nur dann in Gang setzen kann, wenn sie die Objekte ihrer Solidarität zuvor zu Völkern kollektiviert oder deren Selbstkollektivierung übernommen hat. Dass die Palästinenser ein Volk sind, steht für den Antizionismus außer Zweifel. Schließlich haben sie, angeblich anders als die Juden, einen Boden, der ihnen rechtmäßig zustehe. Nimmt man die antizionistische Propaganda beim Wort, so sind es nicht die Menschen, sondern der Boden, der befreit werden muss."

"Die Existenz von Antisemitismus in der Linken ist evident. Im Antizionismus tritt er als eine spezifische Form des Antisemitismus nach Auschwitz auf, der sich aus Mangel an konkreten Hassobjekten gegen den kollektiven Juden, den Staat Israel, richtet. Daß die im Antizionismus durchaus angelegten Vernichtungsphantasien nicht Realität geworden sind, verdankt sich  - und das scheint mir gerade in der aktuellen Situation nicht deutlich genug gesagt werden zu können- der israelischen Staatsgewalt.
Antisemitismus in der Linken manifestiert sich aber nicht nur im Antizionismus. Heute, da es auch innerhalb der Linken massive Kritik an antizionistischen Gruppen gibt, wäre vor allem eine Diskussion über strukturellen Antisemitismus wünschenswert. Ein zentrales Moment des modernen Antisemitismus ist der Hass auf die abstrakte Seite der kapitalistischen Warenproduktion, die in den Juden biologisiert wird. Am deutlichsten wurde das bei der im Nationalsozialismus vorgenommenen Trennung in deutsches „schaffendes Kapital“ und jüdisches „raffendes Kapital“."
 
 
 
Ach ja, und dann war da noch Wolfgang Gehrcke, dessen Frau an KenFMs Positionen Nr. 5 (alles glühende Israelfreunde!) teilgenommen hatte:
 

Kommentare:

  1. ZEIT: "Wagenknecht hat sich, sagen wir mal vorsichtig, kritisch gegenüber Migration und Einwanderung geäußert, sie ist weniger kritisch gegenüber Russland, sie ist hochgradig kritisch gegenüber Amerika, sie ist hochgradig kritisch gegenüber dem ökonomischen Imperativ, und sie hasst die Systemparteien. Insofern fragen wir uns, was ist der Unterschied zwischen Ihnen und Wagenknecht?"

    Gauland: "Dass sie in der falschen Partei ist."

    http://www.zeit.de/2016/17/alexander-gauland-afd-cdu-konservatismus/komplettansicht

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  2. Heute bei den NachDenkSeiten:

    Londo Mollari: "Die ethnische Säuberung Palästinas" Das ist unglaublicher Schwachsinn. Erbärmlich, was aus den NachDenkSeiten geworden ist."
    https://www.facebook.com/NachDenkSeiten/posts/10154139432863627

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    1. Londo Mollari: "Könnte auch sein, dass ich im Auftrag der CIA arbeite. Das ist die einzig mögliche Vorstellung von Nachdenkseiten/Compact Lesern, die zwar wenig Fantasie, dafür aber sehr viel Verschwörungskram aufbieten können. Der Begriff NachDenkSeiten ist verwirrend, weil er impliziert, hier würde nachgedacht werden. Das so absurd, wie wenn man Dieter Dehm bescheinigen würde, dass er ein Linker sei, nur weil die Linkspartei es bisher nicht hingekriegt hat, ihn rauszuschmeißen."
      https://www.facebook.com/NachDenkSeiten/posts/10154139432863627

      Sehe ich ganz ähnlich...

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